50 Jahre Personalberatung: Uns ist nichts Menschliches fremd. Auch im Zeitalter der KI.

50 Jahre Personalberatung: Uns ist nichts Menschliches fremd.

Auch im Zeitalter der KI.

Autor: Melanie Hill

Seit über 50 Jahren sprechen wir mit Menschen, die beruflich etwas verändern wollen, und mit Unternehmen, die für eine bestimmte Aufgabe die richtige Person suchen. Eines haben wir dabei gelernt: Ein Lebenslauf erzählt viel, aber nie alles.

Wir kennen die Kandidatin, deren Werdegang auf dem Papier sprunghaft wirkt. Im Gespräch erklärt sie dann ganz selbstverständlich, warum jede Station ihren Grund hatte. Wir kennen den Bewerber, der nicht jeden Punkt im Anforderungsprofil erfüllt, bei dem aber nach zehn Minuten klar ist, dass er die Aufgabe besser verstanden hat als mancher mit dem passenderen Titel. Und wir kennen den umgekehrten Fall: Ausbildung, Erfahrung und Branche stimmen. Trotzdem gehen wir aus dem Gespräch und wissen, dass es nicht passt.

Deshalb war Personalberatung für uns nie bloß ein Abgleich von Kriterien. Der alte Satz „Uns ist nichts Menschliches fremd“ beschreibt ziemlich gut, worum es uns geht.

Ein Lebenslauf ist nur der Anfang

Menschen wechseln die Branche, legen Pausen ein und fangen neu an. Sie tragen Verantwortung, die in keiner Jobbezeichnung steht, oder entscheiden sich bewusst gegen den nächsten logischen Karriereschritt. Auf dem Papier wirft das Fragen auf. Im Gespräch klärt sich das meistens schnell.

Darum fragen wir nach: Warum kam es zu diesem Wechsel? Was war an dieser Aufgabe besonders? Was reizt Sie an genau dieser Position? Und was wollen Sie künftig lieber nicht mehr machen? Die Antworten darauf passen in kein Bewerbungsformular.

An unserer Arbeit hat sich in den letzten Jahrzehnten trotzdem enorm viel geändert. Bewerbungen kommen längst nicht mehr per Post, und viele Gespräche führen wir per Video. Gute Kandidat:innen finden wir heute auf ganz anderen Wegen als noch vor wenigen Jahren. Jetzt kommt auch noch die künstliche Intelligenz dazu.

KI darf uns Arbeit abnehmen. Denken lieber nicht.

Als Gegner sehen wir KI nicht. Sie kann Informationen sortieren, Lebensläufe strukturieren, Zusammenhänge schneller sichtbar machen und bei der Recherche helfen. In einer Branche, in der so viele Informationen zusammenlaufen wie in unserer, ist jede gesparte Stunde willkommen.

Heikel wird es dort, wo aus Unterstützung unbemerkt eine Entscheidung wird. Wenn ein System fünf Kandidat:innen als besonders passend einstuft, heißt das nicht, dass die sechste Person uninteressant ist. Vielleicht kommt sie aus einer anderen Branche oder ihr Lebenslauf verläuft nicht geradlinig. Vielleicht fehlt ihr auch nur das eine Schlagwort, nach dem gesucht wurde. Erst im Gespräch zeigt sich dann, dass sie genau das mitbringt, was das Unternehmen braucht.

Damit wollen wir nicht behaupten, dass Menschen grundsätzlich besser entscheiden als Maschinen. Auch wir haben Vorurteile, übersehen Dinge und lassen uns vom ersten Eindruck leiten. Erfahrung macht nicht unfehlbar. Sie hilft aber, genauer hinzuschauen und das eigene Urteil immer wieder zu hinterfragen.

Human in the Loop: Der Mensch entscheidet mit

Für das Zusammenspiel von KI und menschlicher Entscheidung gibt es inzwischen einen Fachbegriff: Human in the Loop. Gemeint ist schlicht, dass der Mensch Teil des Entscheidungsprozesses bleibt. Die KI analysiert, sortiert vor, macht Vorschläge oder weist auf Auffälligkeiten hin. Ein Mensch sieht sich die Ergebnisse an, ordnet sie ein und widerspricht, wenn nötig.

„Ansehen“ heißt dabei nicht, einen Vorschlag abzunicken, nur weil er aus einem System kommt. Menschliche Kontrolle ist nur dann etwas wert, wenn wir Fragen stellen. Warum wurde diese Person vorgeschlagen und jene nicht? Fehlt wirklich eine Kompetenz, oder steht sie nur anders im Lebenslauf? Passt der Karriereweg tatsächlich nicht zur Position, oder entspricht er bloß nicht dem üblichen Muster?

Die KI liefert uns mehr Antworten. Die richtigen Fragen müssen wir weiterhin selbst stellen.

50 Jahre Erfahrung und immer noch neugierig

Nach mehr als 50 Jahren wollen wir nicht mehr so arbeiten wie damals. Erfahrung ist für uns kein Grund, neue Werkzeuge abzulehnen. Sie hilft uns zu beurteilen, wo diese Werkzeuge sinnvoll sind. Wenn uns KI Recherche und Verwaltungsarbeit abnimmt, bleibt mehr Zeit für Gespräche. Und wenn sie uns auf etwas aufmerksam macht, das wir selbst übersehen hätten, umso besser.

Je mehr Technik wir einsetzen, desto genauer müssen wir aber wissen, wo es den Menschen braucht. Bei einer Personalentscheidung geht es selten nur darum, ob jemand fünf von fünf Anforderungen erfüllt. Es geht darum, ob jemand zur Aufgabe, zum Unternehmen und zum Team passt. Und es geht darum, ob sich beide Seiten vorstellen können, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen.

Um das herauszufinden, braucht es Daten und Erfahrung. Und oft vor allem ein gutes Gespräch.

Darin sehen wir unsere Aufgabe im Zeitalter der KI: die neuen Möglichkeiten nutzen, ohne den Blick für den Menschen hinter dem Lebenslauf zu verlieren. Uns ist nichts Menschliches fremd, auch nach 50 Jahren nicht.

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